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Diverse Texte
Herr, lehre uns zu wandern wie die Pinguine in der Antarktis?
Auf diesem
riesigen Archipel, fast so gross wie ganz Kanada, leben Tiere, die sich in
Jahrtausenden an diese schwierigen klimatischen Bedingungen gewöhnt haben, an
Temperaturdurchschnitte von –40°C. In den Küstengebieten ist das Meer ihr
Garten, und sie wandern über Hunderte von Kilometern, um ihr Nest zu machen.
Die Kaiserpinguine, die man im Moment auf unseren Bildschirmen von Jaquet
gefilmt sehen kann, sind erstaunliche Zeugen dieses antarktischen Lebens. Es
läuft in einem präzisen Rahmen ab, Tag für Tag, so wird gelebt und überlebt in
einer Umwelt, in der es tagelange Nächte gibt. Das Festland gibt es nicht, aber
das hindert Zehntausende von Pinguinen nicht daran, dort zu leben seit vielen Jahrtausenden.
Bravo, was für ein Überlebenswille!
Diese
Geschöpfe brauchen ein Stück eigenen Lebensraum, in dem sie als Familie die
besten Bedingungen zur Fortpflanzung schaffen können. Indem sie eine Familie
bilden, hüten Vater und Mutter abwechslungsweise das einzige Ei das sie am
Ausbrüten sind, und das während der härtesten Zeit des Jahres, im Winter. Und
genau dann schlüpfen auch die Kleinen, während die Mutter sich im Meer neue
Kräfte holt. Aber, und das ist das ausserordentlich Wunderbare, dieses kleine
Leben kann nur weitergehen, wenn die ganze Gruppe sich zusammentut, und die
neue Generation schützend umgibt. Denn die Jungen werden erst im Sommer
selbständig werden und so das weiterführen, was die Elternpaare und die ganze
Gemeinschaft begonnen haben, als sie
ein Ei legten. So kann das Leben weitergehen, auch wenn es einige Todesfälle
gibt.
Die
Pinguine haben also diesen starken Lebenswillen, dass man den Eindruck hat, man
erlebe die Geschichte Kanadas oder des Bauernstandes, wenn man diesen Überlebenskampf
sieht, der die Nachkommenschaft der Familie und der Gruppe sichert. Sogar die
Wanderungen – wie die Alpauftriebe – um Nahrung zu suchen und seine kleine Welt
zu versorgen.
Die
Geschichte der Menschheit mit Gott ist
genau dasselbe. Wir sind sesshafte Menschen, die Land, Felder und Jahreszeiten
brauchen um sich zu ernähren, aber auch wir müssen unsere angestammten Orte
verlassen, wie Abraham, der alles verlassen musste, um zu gehen, wohin Gott ihn
rief. In Abrahams Kopf waren die Pläne vielleicht nicht viel konkreter als
diejenigen unserer Pinguine, denn wir lesen im ersten Buch Mose, dass es mehr
als die Hälfte seines Lebens brauchte, bis er verstand und bis er mit Sarah ein
Kind bekam. Der Unterschied zwischen den Pinguinen und uns besteht darin, dass
wir noch Geschichten besitzen, die uns erzählen, was diese ersten «Wanderer
Gottes» begriffen haben, als sie sich aufmachten, sie wussten nur, dass sie
leben wollten und dass Gott sie gerufen hatte. Und der Lebensinstinkt war
stärker als alles. Das glaube ich auch, aber das genügt nicht, man muss sich
dessen auch bewusst sein und es den andern ermöglichen, es auch zu leben.
Unsere
Vorfahren glaubten, dass Gottes Gesetz schon in der Natur zu finden sei. Unser
Schöpfer wollte, dass wir leben. Wie schon der Psalmdichter gesungen hat: «Die
Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.
Ein Tag sagt's dem andern, und eine Nacht tut's kund der andern, ohne Sprache
und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme. Ihr Schall geht aus in alle Lande und
ihr Reden bis an die Enden der Welt.»
Jean
Porret
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Öffnen Sie Ihr Buch am richtigen Ende, das Lesen fällt so leichter!
Jeder kann ein Buch zu lesen anfangen wie er will. Einige beginnen
zuhinterst, lesen die Kapitelüberschriften und gehen dann zu den
Stellen, die ihnen zusagen. Andere beginnen am Anfang, mit dem Vorwort,
weil sie sich sagen, dass ihnen dies die Lust gebe, das ganze Buch zu
lesen - oder auch nicht. Noch andere lesen ein wenig hier und ein wenig
dort, um sich schliesslich im Buch zu versenken, weil es sie
interessiert. Um aufrichtig zu sein, ich gehöre manchmal zu den einen
und manchmal zu den andern, aber ich lese gerne etwas, das mir gut tut
und mit etwas bringt, und in dem ich mich wiedererkennen kann. Durch
meine regelmässigen Besuche bei Ihnen habe ich Sie besser kennen
gelernt. Mir ist aufgefallen, dass in jeder Familie, wie auch bei mir,
Zeitungen aus ihrer Herkunftsgegend zu finden sind. Sicher auch die
unentbehrliche "Terre de chez nous" von hier, aber auch immer wieder
Zeitungen aus der Schweiz. Diese Erinnerung an das Herkunftsland ist
interessant. Der Emmentalerbote, der Aargauer Anzeiger, das
Appenzellerblatt und natürlich auch die Schweizer Illustrierte. Ich
stelle mir vor, das sie darin Ihre bevorzugten Rubriken finden und dass
dies Ihnen gut tut. Da bin ich gleich wie Sie, ich habe drei
europäische Zeitungen. Wir lesen, was uns gut tut und uns seelisch
nährt. Wenn ich jedoch vom persönlichen Lesen den Bibel spreche, so
habe ich den Eindruck, dass wir in eine andere Tonart verfallen, und
recht schnell gehen sie in die Defensive, als ob dies nicht ein Buch
wie die andern sei. Eines, das man zuerst erklären muss. Und
Sie weisen auf die Übertreibungen des allzu wörtlichen oder
fundamentalistischen Bibellesens hin, oder sie beginnen mit dem Ende,
als ob die Apokalypse, die Offenbarung alle Lösungen für Ihr
persönliches Leben oder für unsere Gesellschaft geben könnte. Offenbar
haben Sie oft Mühe, den Schlüssel und das Niveau zu finden, um dieses
Buch richtig lesen zu können, als ob es eine Spezialbrille brauchen
würde dazu. Deshalb bleibt sie im Regal stehen. Ich kann das verstehen,
und zum Teil haben Sie sogar Recht. Aber wir müssen weiter sehen. Warum
noch immer die Bibel lesen? Als Erstes: Die Bibel ist wie jedes
andere Buch, man muss sie sich vertraut machen, oder genauer gesagt,
sie macht sich Ihnen vertraut. Sie wird persönlich und nah, wenn sie
Ihr Leben und Ihre Suche nach dessen Sinn anspricht. Wenn wir sie nicht
so sehen können, ist sie höchstens ein "Zauberbuch" oder ein
Kindermärchen. Eine Geschichte, nicht anderes als alle andern. Bestimmt
ist sie interessant, aber auch kompliziert, denn sie stammt aus einer
andern Kultur und anderen Zeiten, die sehr verschieden von den unseren
waren. Diese Tatsachen verwirren und erst einmal. Dann muss auch
gesagt sein, dass sie Menschenwort ist, so wie alle Zeugnisse der
Geschichte und der Gesellschaft. Aber sie allein umfasst 4000 Jahre
Geschichte und Zivilisation, welche die ganze Welt beeinflusst haben.
Sie ist ein reicher kultureller Schatz an sich, und sie ist
unumgänglich, wenn wir unsere Geschichte kennen lernen wollen. Sie
enthält alle menschlichen Literaturformen, und nur schon deshalb ist
sie eine aussergewöhnliche Fundgrube. So ist es nicht erstaunlich, dass
sowohl auf deutsch als auch auf französisch im Laufe der letzten
zwanzig Jahre sehr viele Neuübersetzungen erschienen sind und sie
weiterhin in unserer Kultur ein Bestseller und ein unumgängliches Werk
bleibt. Aber paradoxerweise wird sie immer weniger zur persönlichen
täglichen Lektüre benutzt, obwohl sie seit 15 Jahren einen nie da
gewesenen kulturellen Erfolg hat. Ein Beispiel: Einer meiner Freunde
hatte im Vieux Port in Montreal eine Ausstellung über die Texte vom
Roten Meer organisiert, in welcher unter anderem Kopien von uralten
Manuskripten des Alten Testamentes zu sehen waren. Ein absoluter
Besucherrekord. Und in der Migrosklubschule in Genf wurden vor einigen
Jahren mit sehr grossem Erfolg Kurse über die Bibel angeboten. Sie
werden mir nun sofort sagen, dass Sie die Bibel nicht nötig hätten um
ein guter Milchproduzent oder Ackerbauer zu sein. Aber Sie lesen ja
alle Ihre Heimatzeitungen, sogar den "Volkskalender" oder den
"Hinkenden Boten", um mehr zu erfahren. Sie sind also auch auf der
Suche nach Ihren Wurzeln und lesen darüber, wenn Sie wollen. Umso
besser, wenn Ihnen das hilft. Nun, das ist es was ich Ihnen über
die Bibel als Menschenwort sagen wollte, eine wunderbare Quelle der
Menschheitsgeschichte. Das nächste Mal werde ich über die Bibel als
Wort Gottes schreiben. Einen schönen Herbst!
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Pfarrbesuche im Untergeschoss – der Glaube beginnt beim Beten
Seit letzten Mai haben die Gemeindebesuche den Glauben zum Thema. Bei
diesen Begegnungen sprechen Sie sehr spontan vom Gebet und zeigen sich
manchmal sogar ein wenig überrascht, dass man überhaupt danach fragen
kann. Das Gebet ist für Sie etwas sehr Privates, etwas, worüber man in
der Öffentlichkeit nicht redet, sondern nur am Küchentisch, wenn
Vertrauen entsteht und man in die Tiefe der persönlichen Dinge kommt.
Ja, sie erklären mir spontan, dass Sie beten, und dies regelmässig.
Beten versteht sich von selbst für den grössten Teil der Leute, die ich
besucht habe. Beten ist oft wie eine erste Antwort, ein wesentlicher
Bestandteil Ihres Lebens. Und oft ist es so selbstverständlich und
natürlich, ein inneres, persönliches Erbe.
Sie erzählen mir auch, wie ihr Gebet aussieht, Dankgebete für das, was
Gott Ihnen geschenkt hat in ihrem Leben. Aber Sie dürfen Gott auch
besondere Anliegen vorbringen, Dinge, die Ihnen am Herzen liegen oder
die Ihr Leben verdunkeln. Das nennt man Fürbitte- oder Bittgebet, wie
wir es in der Gottesdienstordnung ganz am Ende finden. Das Gebet des
Elementaren, Grundsätzlichen.
Genau so spontan sprechen Sie von den Gebetsformen, die Sie vor Gott
bringen. Sie sind spontan, wie man in der religiösen Sprache sagt. Für
diejenigen, die sich in verschiedenen religiösen Gruppierungen bewegt
haben, ist die Herkunft dieser Gebete recht einfach zu erkennen, wie
man die Quelle eines Baches kennt oder die Pflaumensorten, die gut
schmecken. Schliesslich ist ein Neuenburger kein Appenzeller. Und doch
ist es schlussendlich das Gleiche. Auch wenn Sie nicht mit mir beten
gelernt haben.
Ein mir bekannte Kinderpsychiater fragte suizidgefährdete Kinder, ob
sie beteten, auch wenn sie keine persönliche religiöse Erziehung
bekommen hatten. Acht von zehn Kindern erklärten, dass sie tatsächlich
ganz spontan beteten. Es ist das tiefe menschliche Wesen, das beten
will, und das ist gut.
Ein drittes habe ich bemerkt: Für sie ist beten oft auch das
Wiederaufnehmen von gehörten und gelernten Gebeten, die Sie zu Ihren
eigenen machen, wie man die Worte einer andern Person benutzt, um das
auszudrücken, was diese besser in Worte zu fassen vermag. Ich
denke da ans Unser Vater, das ein Kranker betet, für den es die beste
Form ist, das zu sagen, was er selbst weder verstehen noch formulieren
kann. Also das Wiederholen von Worten, die uns berührt haben.
Und schliesslich habe ich jüngere und ältere Menschen sagen hören, dass
in der Natur eine Gegenwart spüren, die für sie eine Form des Betens
ist. Eine Person sagte mir, dass sie in ihrem Blumen- und Gemüsegarten
auf ihre Art bete und neue Kräfte sammle, indem sie die Schönheit der
Schöpfung bewundere. Und jemand anderes findet in der Schönheit und
Grossartigkeit der Natur alles, was er braucht. Er weiss nicht sicher,
ob Gott existiert, aber sich mit der aufgehenden Sonne in Verbindung zu
fühlen ist sehr gut und genügt ihm. Es braucht keine Worte, aber eine
Präsenz in der Schöpfung. Das ist auch eine ausgezeichnete Form des
Gebetes, doch wenn die Menschen fehlen darin, ist es vielleicht, weil
sie für uns ein Problem sind.
Es ist bemerkenswert, dass Sie zuerst von ihrem Glauben reden, indem
Sie auf das Gebet zu sprechen kommen. Einer meiner Lehrer, André Dumas,
hat am Ende seines Lebens Gebete veröffentlicht, die einen grossen
inneren Reichtum enthalten, und er beschliesst mir einem Kapitel: Beten
heisst mit Gott reden. «Beten, das ist vieles» aber es ist nicht alles.
Warum also beten? Um Gott zu unterstützen. Um den Menschen
aufzurichten. Deshalb gebe ich Ihnen jeden Monat «Rezepte», Gebete und
geistliche Texte. Man kann auf den Ideen anderer aufbauen. Sie haben
einen grossen Reichtum, pflegen Sie Ihn!
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Kommen Sie in den Gottesdienst, es wird Ihnen gut tun!
Der erste
Sonntag dieses Jahr hat nicht gut angefangen. Am Vorabend teilt mir
unser
bewährter Organist mit, dass er leider nicht da sein könne. Und weil
ein
Unglück selten allein kommt, fehlen auch unsere unentbehrlichen
Gesangbücher,
als wir den Gottesdienst beginnen wollen. Unsere Sonntagsfeier fängt
also
schlecht an, zwei wichtige Unterstützungen für eine frohe und
wohltuende
Andacht sind nicht da. Immerhin habe ich die Musik auf Band aufgenommen
und
mitgebracht. Und im Eingangsgebet heisst es dann, dass da, wo zwei oder
drei im
Namen Jesu versammelt sind, Christus mitten unter ihnen ist. Das wird
gesprochen und gespürt.Der Gottesdienst nimmt
seinen Lauf, die Predigt handelt von unserem Verhältnis zur Schöpfung
und den
Katastrophen, dem Tsunami zum Beispiel. Wort und Musik helfen uns, zu
hören,
was Gott uns auch heute noch sagen will. Es scheint klar zu sein, dass
wir
nicht Gott die „Schuld“ an diesen Naturkatastrophen zuschieben können,
aber als
glaubende Menschen dürfen wir lernen, darüber nachzudenken, was Gott
bedeutet,
wenn in einer nie gesehenen Welle der Hilfsbereitschaft hunderte von
Millionen
Menschen grosszügige, solidarische Gesten
tun. Im Übrigen sieht man auch klar, dass in der westlichen Welt die
Hilfswerke der christlichen Kirchen eine wichtige Rolle übernehmen.
Bereits am
Tag nach der Katastrophe hat die Église Unie ihre Hilfe angekündigt und
wurde
Partnerorganisation der kanadischen Regierung. Haben Sie die vielen
Bilder und Photos bemerkt, auf denen man Gläubige verschiedenster
Religionen
sah, die beten oder in Andacht
versunken sind, wie es auch der Stadtpräsident von Montréal gewünscht
hat. Das
erinnerte mich – in einem geringeren Ausmass – an die Schiesserei bei
der am
Polytechnikum 14 junge Frauen brutal getötet wurden. In solchen
Situationen ist
es sehr heilsam und wirkungsvoll, zum Beispiel eine Kantate von Bach in
einer
Kirche zu singen. Ich kann sagen, dass für diese Menschen die Musik
wirksamer
war als viele Worte. Doch kommen wir auf
unseren ersten Gottesdienst des Jahres in der Église St-Georges in
Drummondville zurück. Im Gebet und in unseren Gedanken sind wir an der
Seite unserer Brüdern und Schwestern,
die vom Unglück getroffen oder als Helfer engagiert sind. Am Ende der
Feier
lasse ich die Musik sprechen und lasse den Schluss des 5. Konzertes von
Mozart
laufen. Und zu meinem grossen Erstaunen bleiben die
Gottesdienstbesucher sitzen
und hören still während mehr als zwanzig Minuten der Musik zu. Nach
diesem
langen, für mich sehr intensiven Moment wage ich es, einer Teilnehmerin
die
Frage zu stellen, und sie antwortet ohne Zögern: Es ist so selten, dass
wir
einen Moment Zeit zum Meditieren haben!Ich freue mich auf Ihre
KommentareJean Porret
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Anker, ein besonderer Maler
Albert Anker lebte in Ins, im Seeland, 30 km von Neuenburg entfernt. Meine Eltern besuchten fast jedes Jahr die Ausstellung in diesem Dorf. Wenn sie von dort zurückkamen, sagten sie jedes Mal das Gleiche. Sie waren erstaunt und verwundert, dass ein Maler aus dem vorderen Jahrhundert so gut malte. Es war für sie, als ob es doch eine "heile Welt", ein ideales Leben geben könnte. Man könne sagen, dass die Menschen auf den Bildern gleich mit uns reden würden, und dass die Kinder, die Anker mit soviel Liebe malte, unsere Cousins von gegenüber seien. Diese Maler ist so bekannt und beliebt, dass man am liebsten sein Nachbar wäre, um ihn jeden Tag grüssen zu können. Und doch sprachen meine Eltern kein Deutsch, lebten nicht im Seeland und wir waren im zwanzigsten Jahrhundert.
Dieser Maler hatte die Begabung, ganz gewöhnliche Menschen so zu sehen, dass sie durch ihre Intensität, in der er sie uns zeigt, etwas ganz Besonderes werden. Sie haben ihre eigene Schönheit und man würde am Liebsten so wie sie werden. Und wenn Anker in der Natur malt, so hat man den Eindruck, er lade uns zur Weinlese ein.
Doch unser "Nationalmaler" hat auch eine sehr interessante Lebensgeschichte. Wenn man auch fast in jeder Küche der Schweizer Einwandererfamilien Bilder von ihm sieht, oder doch spürt, wie beliebt er ist, so ist doch sein persönlicher Werdegang weniger bekannt. Er lebte zwischen Paris und Anet und war bei den grossen Malern der französischen Hauptstadt, Künstlern wie Van Gogh und Renoir, zu seiner Zeit sehr beliebt und geschätzt. Mehrere grosse Gemälde seiner Heimat hat er in Paris gemacht, und sogar bei Napoleon hing eines davon. Daneben engagierte er sich für verschiedene Anliegen, wie die aufkommende obligatorische Schule für alle Kinder, die Politik der Demokratie und die soziale Hilfe für die Armen. Mehrer seiner Bilder zeigen Szenen mit den protestantischen Diakonissen von Bern.
Und schliesslich ist zu sagen, dass Anker ein überzeugter und bekennender Christ war. In seinen jungen Jahren hatte er Theologie studiert und wollte eigentlich Pfarrer werden. Doch wenn man seine Werke sieht, liest man darin auch die Gute Nachricht von der Gnade Gottes. Seine Malerei drückt auch seinen Glauben aus. So war seine wirkliche Berufung seine Kunst. Aber er hat mehrere Pfarrer unter seinen engeren Freunden und er ist aktiv im Kirchgemeinderat seines Dorfes.
Dieser so bekannte und beliebte Schweizer Maler verdient also eine besondere Aufmerksamkeit und eine vertiefte Kenntnis. Er ist einer der grossen Meister unserer Heimat, der unsere Erinnerung und unsere Verwurzelung nährt. Und doch ist seine Kunst noch immer aktuell und gegenwärtig, durch die darin gezeigten Themen, Lebensqualität und Grundvertrauen.
An Interessierte: Am Dienstag, den 8. Februar um 13 Uhr findet ein Vortrag über Anker statt, und zwar im "Madrid", Ausfahrt 202 der Autobahn 20.
Mehr darüber: Albert Anker - der Website
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Meine jüdischen Nachbarn haben mich gelehrt, das Christentum zu leben
Seit 25 Jahren sehe ich jeden Morgen um halb acht die Männer in meiner Strasse unauffällig ihr Haus verlassen. Sie tragen eine Torah unter dem Arm, ein kleines geschmücktes Kissen und ihre Kippa fest auf dem Kopf. Sie gehen in die Synagoge um die Ecke, um zu beten. Ihre Berufe sind unterschiedlich, alles Mögliche, vom Elektriker bis zum Chef eines Unternehmens. Aber es gibt etwas, das sie alle verbindet: das Morgengebet. Auch der Schabbath ist ein Band, das sie vereint: Am Vortag, drei Uhr Nachmittags zündet die Familienmutter den siebenarmigen Leuchter an, und sobald man den Unterschied zwischen einem schwarzen und einem weissen Faden nicht mehr sehen kann, beginnt die vierundzwanzigstündige Ruhepause. Auch die sechs oder sieben grossen jüdischen Feste werden von der ganzen Familie fröhlich gefeiert. Niemand scheint darüber unglücklich zu sein, im Gegenteil. Die Familien finden sich zusammen, Jahr um Jahr, und auch die Kleinsten erleben alles mit. Sie haben noch keinen Rabbi oder Lehrer nötig. Die ersten Rabbiner der Familie sind Vater und Mutter. Sie erklären alles, und sie beginnen mit den ungestümsten Fragen, die das Jüngste ihnen stellt, damit es zu verstehen lernt. Jede religiöse Geste ist genau so konkret im Leben verankert wie die sorgfältig ausgewählten Mahlzeiten. Jede Zutat, vorgeschriebene Früchte und Gemüse, hat ihre Bedeutung. Das Judentum hat mich immer beeindruckt, und es ist aus vielen Gründen heute noch so. Die jüdische Küche kann genau so gut sein wie die 20 Jahrhunderte alten Kommentare zur Torah, die auch heute noch so aktuell sind. Ich finde es beeindruckend, es in meiner Strasse vor Augen zu haben: 2500 Jahre ununterbrochene Lebensart. Sie ist dreimal so alt wie die älteste Demokratie der Welt, die Schweiz. Es ist überraschend, wie diese Menschen gelernt haben, ihr Leben weiterzugeben. Für sie scheint alles mit ihrer Religion verbunden zu sein, eingebettet in das einfachste und erste im Leben: in die Familie. Es gibt wenig oder keine grossen Worte über die Religion, aber sie wird gelebt, in jeder Geste des Alltags. Sogar für den Tod! Als mein Nachbar starb, kamen alle Freunde und Nachbarn jeden Tag, um im Zimmer des Verstorbenen zu beten. Die Psalmen bekamen ihren vollen Sinn, der Psalm 23 war gegenwärtig bei meinem Nachbarn. Mein Quartier ist zu 60% jüdisch. Und nach dreissig Jahren an der Universität muss ich einsehen, dass meine besten Lehrer in meiner Strasse leben: von ihnen habe ich gesehen und gehört, wie das Buch der Bücher geöffnet, gelesen und gelebt wird. Ja, es genügt, zu sehen und zu hören. Das ist auch so für meinen zweijährigen Enkel, der seit einer Weile bei uns lebt. All seine Entwicklungen hängen von dem ab, was er von uns und durch uns sieht und hört. Wir sind sein erstes Lebensbuch und dadurch eine wichtige Grundlage. So ist es besser, dieses Buch zu öffnen, damit auch andere darin lesen und leben können. Das Evangelium und der christliche Glaube, so sagen wir, sei fleischgewordenes Wort und eine Gute Nachricht für uns. Doch oft habe ich den Eindruck, dass wir genau das Gegenteil davon leben. Wir lesen dieses Buch, als ob es 20 000 km von uns entfernt wäre und als ob wir es neu erfinden müssten. Welch ein Irrtum! Es genügt, das Buch ganz einfach zu öffnen. Ich schreibe diese Zeilen gerade nach dem Weihnachtsgottesdienst in Drummondville. Durch die anwesenden Familien waren alle Altersgruppen vertreten, von den Kleinkindern bis zu den Grosseltern. Welche Freude und Dankbarkeit! Und wie mein jüdischer Freund immer wieder sagt: Wenn unser Leben und unsere Familie nicht wie ein Buch sind, wie können wir das Buch der Bücher verstehen? - Es war wunderschön und voller Licht. Danke - und ein gutes Neues Jahr!Jean Porret Ich erwarte gerne Ihre Kommentare!
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Gibt es ein gutes Neues Jahr?
Natürlich müssen wir diese Frage mit Ja beantworten, denn sonst würden unsere Computer stehen bleiben, unsere Schecks zurück kommen und unsere Neujahrswünsche ungehört verklingen, am dritten Januar schon, den der ausgesprochene Wunsch ist schon vergessen. Für ältere Menschen gilt vor allem der Wunsch nach Gesundheit. Doch um gesund zu sein an Leib und Seele braucht der Mensch auch Liebe. Andere Wünsche drücken aus, man sei nichts ohne Geld. Aber es gibt viele gutsituierte Menschen, die nicht damit umzugehen wissen. Schliesslich haben wir auch Briefe bekommen - seien es Rundbriefe oder sehr persönliche Zeilen. Darin wird oft ein Jahresrückblick gemacht, die erlebten Geschichten nochmals erzählt. Eigentlich keine schlechte Idee...
Unsere Vorfahren begannen wirklich den Tag oder das Jahr im dunkelsten Moment, das heisst, am Vorabend. Der Montag begann beim Einnachten am Sonntagabend und das Neue Jahr kündete sich mit dem Beginn der Adventszeit an. Weihnachten fällt deshalb in die dunkelste Zeit des Jahres. Und was wurde am ersten Tag des Jahres gemacht? Die Israeliten lasen immer wieder die sogenannten Schöpfungspsalme, wie der Psalm 8 oder der Psalm 104. Und der Neujahrstag wurde wie eine Neuschöpfung erlebt. Solches tut der Erinnerung gut. Gott trat in den Vordergrund, wenn es ganz dunkel geworden war und die Erinnerungen an die grossen Taten Gottes auftauchten. Zum Dritten: Der Wunsch und Gruss zwischen den Menschen hatte nichts mit Gesundheit, Geld und Gut zu tun. Es gibt ein Wort, welches all das andere einschliesst, und das in den Sonntagsliturgien immer wieder vorkommt, sei es am Anfang oder am Schluss des Gottesdienstes. Es ist das Wort "Schalom" oder Friede. Ja, ganz einfach: "Friede". Die deutsche Bedeutung des Wortes "Schalom" ist eigentlich "heil sein", "ganz sein" und kann auf eine Person oder eine ganze Gesellschaft zutreffen. Oft bezeichnen wir es ungeschickt als "Glück". Mit andern Worten, "Schalom" ist das Wesentliche, das ein Mensch für ein erfülltes Leben benötigt. Die Propheten haben es ins Zentrum gesetzt, wenn sie vom kommenden Gottesreich sprachen, das Jesus verkörpert hat. In der Heiligen Nacht haben auch die Engel den Frieden angekündigt. Und als Jesus nach seinem Tod den Jüngern erscheint, braucht er auch wieder diesen Friedensgruss "Schalom". Jesus ist unser Friede geworden, er ist die Person, die wir brauchen, um den Frieden zu leben. Deshalb ist die Gute Nachricht ein Ganzes, Körper und Geist, Kopf und Herz durch Christus.
Zum Neuen Jahr wünsche ich Ihnen also "Schalom", den Frieden. Und möge in Ihrem nächsten Brief, den Sie an ihre Freunde schreiben, ein wenig von dem zwischen den Zeilen stehen, was in Ihnen lebt und Ihnen Kraft gibt. Ein gutes Neues Jahr, auch wenn es schon angefangen hat!Jean Porret
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