Jeder kann ein Buch zu lesen anfangen wie er will. Einige beginnen
zuhinterst, lesen die Kapitelüberschriften und gehen dann zu den
Stellen, die ihnen zusagen. Andere beginnen am Anfang, mit dem Vorwort,
weil sie sich sagen, dass ihnen dies die Lust gebe, das ganze Buch zu
lesen - oder auch nicht. Noch andere lesen ein wenig hier und ein wenig
dort, um sich schliesslich im Buch zu versenken, weil es sie
interessiert. Um aufrichtig zu sein, ich gehöre manchmal zu den einen
und manchmal zu den andern, aber ich lese gerne etwas, das mir gut tut
und mit etwas bringt, und in dem ich mich wiedererkennen kann.
Durch
meine regelmässigen Besuche bei Ihnen habe ich Sie besser kennen
gelernt. Mir ist aufgefallen, dass in jeder Familie, wie auch bei mir,
Zeitungen aus ihrer Herkunftsgegend zu finden sind. Sicher auch die
unentbehrliche "Terre de chez nous" von hier, aber auch immer wieder
Zeitungen aus der Schweiz. Diese Erinnerung an das Herkunftsland ist
interessant. Der Emmentalerbote, der Aargauer Anzeiger, das
Appenzellerblatt und natürlich auch die Schweizer Illustrierte. Ich
stelle mir vor, das sie darin Ihre bevorzugten Rubriken finden und dass
dies Ihnen gut tut. Da bin ich gleich wie Sie, ich habe drei
europäische Zeitungen.
Wir lesen, was uns gut tut und uns seelisch
nährt. Wenn ich jedoch vom persönlichen Lesen den Bibel spreche, so
habe ich den Eindruck, dass wir in eine andere Tonart verfallen, und
recht schnell gehen sie in die Defensive, als ob dies nicht ein Buch
wie die andern sei. Eines, das man zuerst erklären muss. Und
Sie weisen auf die Übertreibungen des allzu wörtlichen oder
fundamentalistischen Bibellesens hin, oder sie beginnen mit dem Ende,
als ob die Apokalypse, die Offenbarung alle Lösungen für Ihr
persönliches Leben oder für unsere Gesellschaft geben könnte. Offenbar
haben Sie oft Mühe, den Schlüssel und das Niveau zu finden, um dieses
Buch richtig lesen zu können, als ob es eine Spezialbrille brauchen
würde dazu. Deshalb bleibt sie im Regal stehen. Ich kann das verstehen,
und zum Teil haben Sie sogar Recht. Aber wir müssen weiter sehen. Warum
noch immer die Bibel lesen?
Als Erstes: Die Bibel ist wie jedes
andere Buch, man muss sie sich vertraut machen, oder genauer gesagt,
sie macht sich Ihnen vertraut. Sie wird persönlich und nah, wenn sie
Ihr Leben und Ihre Suche nach dessen Sinn anspricht. Wenn wir sie nicht
so sehen können, ist sie höchstens ein "Zauberbuch" oder ein
Kindermärchen. Eine Geschichte, nicht anderes als alle andern. Bestimmt
ist sie interessant, aber auch kompliziert, denn sie stammt aus einer
andern Kultur und anderen Zeiten, die sehr verschieden von den unseren
waren. Diese Tatsachen verwirren und erst einmal.
Dann muss auch
gesagt sein, dass sie Menschenwort ist, so wie alle Zeugnisse der
Geschichte und der Gesellschaft. Aber sie allein umfasst 4000 Jahre
Geschichte und Zivilisation, welche die ganze Welt beeinflusst haben.
Sie ist ein reicher kultureller Schatz an sich, und sie ist
unumgänglich, wenn wir unsere Geschichte kennen lernen wollen. Sie
enthält alle menschlichen Literaturformen, und nur schon deshalb ist
sie eine aussergewöhnliche Fundgrube. So ist es nicht erstaunlich, dass
sowohl auf deutsch als auch auf französisch im Laufe der letzten
zwanzig Jahre sehr viele Neuübersetzungen erschienen sind und sie
weiterhin in unserer Kultur ein Bestseller und ein unumgängliches Werk
bleibt. Aber paradoxerweise wird sie immer weniger zur persönlichen
täglichen Lektüre benutzt, obwohl sie seit 15 Jahren einen nie da
gewesenen kulturellen Erfolg hat. Ein Beispiel: Einer meiner Freunde
hatte im Vieux Port in Montreal eine Ausstellung über die Texte vom
Roten Meer organisiert, in welcher unter anderem Kopien von uralten
Manuskripten des Alten Testamentes zu sehen waren. Ein absoluter
Besucherrekord. Und in der Migrosklubschule in Genf wurden vor einigen
Jahren mit sehr grossem Erfolg Kurse über die Bibel angeboten.
Sie
werden mir nun sofort sagen, dass Sie die Bibel nicht nötig hätten um
ein guter Milchproduzent oder Ackerbauer zu sein. Aber Sie lesen ja
alle Ihre Heimatzeitungen, sogar den "Volkskalender" oder den
"Hinkenden Boten", um mehr zu erfahren. Sie sind also auch auf der
Suche nach Ihren Wurzeln und lesen darüber, wenn Sie wollen. Umso
besser, wenn Ihnen das hilft.
Nun, das ist es was ich Ihnen über
die Bibel als Menschenwort sagen wollte, eine wunderbare Quelle der
Menschheitsgeschichte. Das nächste Mal werde ich über die Bibel als
Wort Gottes schreiben. Einen schönen Herbst!