Seit letzten Mai haben die Gemeindebesuche den Glauben zum Thema. Bei
diesen Begegnungen sprechen Sie sehr spontan vom Gebet und zeigen sich
manchmal sogar ein wenig überrascht, dass man überhaupt danach fragen
kann. Das Gebet ist für Sie etwas sehr Privates, etwas, worüber man in
der Öffentlichkeit nicht redet, sondern nur am Küchentisch, wenn
Vertrauen entsteht und man in die Tiefe der persönlichen Dinge kommt.
Ja, sie erklären mir spontan, dass Sie beten, und dies regelmässig.
Beten versteht sich von selbst für den grössten Teil der Leute, die ich
besucht habe. Beten ist oft wie eine erste Antwort, ein wesentlicher
Bestandteil Ihres Lebens. Und oft ist es so selbstverständlich und
natürlich, ein inneres, persönliches Erbe.
Sie erzählen mir auch, wie ihr Gebet aussieht, Dankgebete für das, was
Gott Ihnen geschenkt hat in ihrem Leben. Aber Sie dürfen Gott auch
besondere Anliegen vorbringen, Dinge, die Ihnen am Herzen liegen oder
die Ihr Leben verdunkeln. Das nennt man Fürbitte- oder Bittgebet, wie
wir es in der Gottesdienstordnung ganz am Ende finden. Das Gebet des
Elementaren, Grundsätzlichen.
Genau so spontan sprechen Sie von den Gebetsformen, die Sie vor Gott
bringen. Sie sind spontan, wie man in der religiösen Sprache sagt. Für
diejenigen, die sich in verschiedenen religiösen Gruppierungen bewegt
haben, ist die Herkunft dieser Gebete recht einfach zu erkennen, wie
man die Quelle eines Baches kennt oder die Pflaumensorten, die gut
schmecken. Schliesslich ist ein Neuenburger kein Appenzeller. Und doch
ist es schlussendlich das Gleiche. Auch wenn Sie nicht mit mir beten
gelernt haben.
Ein mir bekannte Kinderpsychiater fragte suizidgefährdete Kinder, ob
sie beteten, auch wenn sie keine persönliche religiöse Erziehung
bekommen hatten. Acht von zehn Kindern erklärten, dass sie tatsächlich
ganz spontan beteten. Es ist das tiefe menschliche Wesen, das beten
will, und das ist gut.
Ein drittes habe ich bemerkt: Für sie ist beten oft auch das
Wiederaufnehmen von gehörten und gelernten Gebeten, die Sie zu Ihren
eigenen machen, wie man die Worte einer andern Person benutzt, um das
auszudrücken, was diese besser in Worte zu fassen vermag. Ich
denke da ans Unser Vater, das ein Kranker betet, für den es die beste
Form ist, das zu sagen, was er selbst weder verstehen noch formulieren
kann. Also das Wiederholen von Worten, die uns berührt haben.
Und schliesslich habe ich jüngere und ältere Menschen sagen hören, dass
in der Natur eine Gegenwart spüren, die für sie eine Form des Betens
ist. Eine Person sagte mir, dass sie in ihrem Blumen- und Gemüsegarten
auf ihre Art bete und neue Kräfte sammle, indem sie die Schönheit der
Schöpfung bewundere. Und jemand anderes findet in der Schönheit und
Grossartigkeit der Natur alles, was er braucht. Er weiss nicht sicher,
ob Gott existiert, aber sich mit der aufgehenden Sonne in Verbindung zu
fühlen ist sehr gut und genügt ihm. Es braucht keine Worte, aber eine
Präsenz in der Schöpfung. Das ist auch eine ausgezeichnete Form des
Gebetes, doch wenn die Menschen fehlen darin, ist es vielleicht, weil
sie für uns ein Problem sind.
Es ist bemerkenswert, dass Sie zuerst von ihrem Glauben reden, indem
Sie auf das Gebet zu sprechen kommen. Einer meiner Lehrer, André Dumas,
hat am Ende seines Lebens Gebete veröffentlicht, die einen grossen
inneren Reichtum enthalten, und er beschliesst mir einem Kapitel: Beten
heisst mit Gott reden. «Beten, das ist vieles» aber es ist nicht alles.
Warum also beten? Um Gott zu unterstützen. Um den Menschen
aufzurichten. Deshalb gebe ich Ihnen jeden Monat «Rezepte», Gebete und
geistliche Texte. Man kann auf den Ideen anderer aufbauen. Sie haben
einen grossen Reichtum, pflegen Sie Ihn!